Zungenfehlstellungen und Schluckmuster digital behandeln
Viele Menschen kennen das Gefühl, unter Stress im wahrsten Sinne des Wortes „die Zähne zusammenzubeissen“. Wer nachts oder tagsüber unbewusst die Zähne fest aufeinanderpresst oder knirscht (Bruxismus), leidet häufig unter einer sogenannten Craniomandibulären Dysfunktion (CMD). In der Praxis begegnen mir immer wieder Patient:innen mit CMD. Im Anamesegespräch und weiteren Therapieverlauf kann oft eruiert werden, dass Betroffene auch in benachbarten Strukturen Auffälligkeiten haben. Denn was viele nicht wissen: Der Kiefer steht über Muskel- und Nervenbahnen in direkter Verbindung mit unserem Kehlkopf, der Zunge und der gesamten Haltung. Dauerhafte Spannungen im Kauapparat wirken sich daher rasch auf die Stimme und die Präzision der Aussprache aus.
Mir ist es in der Therapie ein Anliegen, meinen Patient:innen zu vermitteln, dass Haltungs- und Bewegungsvorgänge von Rumpf- und Kopf sich über die Halsstrukturen auf den Kiefer-, Gesichts-, Rachen-, Kehlkopf und sogar auf die Atemtätigkeit auswirken können. Ein Verständnis über die Kausalzusammenhänge ist meiner Meinung nach erforderlich, um Haltungs- und Bewegungsmuster zu verändern und langfristige Besserung zu erzielen.
Der biomechanische Zusammenhang: Vom Kiefer zum Kehlkopf
Das Kiefergelenk und die Kaumuskulatur (insbesondere der Musculus masseter) sind eng mit der Zungenbeinmuskulatur verwoben. Wenn der Kiefer dauerhaft unter hoher Anspannung steht, überträgt sich dieser erhöhte Muskeltonus auf das Ansatzrohr sowie die Kehlkopfmuskulatur:
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Auswirkungen auf die Stimme (Dysphonie): Ein verspannter Kiefer verengt den Resonanzraum im Mund- und Rachenraum. Die Stimme klingt in der Folge oft gepresst, rau, belegt oder verliert an Belastbarkeit. Betroffene verspüren nach längerem Sprechen häufig ein Engegefühl im Hals, Räusperzwang oder ein „Kloßgefühl“ (Globusgefühl).
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Auswirkungen auf die Aussprache (Artikulation): Um Laute wie /s/, /z/ oder /sch/ präzise zu bilden, benötigt der Unterkiefer eine feinfühlige, lockere Beweglichkeit. Bei einer eingeschränkten Kieferöffnung oder fehlenden Entspannung kommt es oft zu einer ungenauen Artikulation oder einem Lispeln (Sigmatismus), da die Zunge nicht den nötigen Raum zur korrekten Lautbildung findet.
Ganzheitlich denken: Die Rolle der Logopädie bei CMD
Eine Knirscherschiene vom Zahnarzt schützt zwar die Zahnsubstanz, löst jedoch selten die zugrundeliegenden muskulären Fehlspannungen. Trotz Kirschschiene berichten mir Patient:innen in der Praxis von Verspannungen. Die Schiene schützt vor Zahnabrieb, dennoch wird weiterhin gepresst oder geknirscht, was die Muskeln weiterhin belastet. Genau hier setzt die Logopädie an: In der logopädischen Therapie betrachten wir den Körper ganzheitlich und arbeiten eng mit Zahnärzt*innen und Physiotherapeut*innen zusammen.
Die therapeutischen Schwerpunkte umfassen dabei:
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Entspannung der Kaumuskulatur: Durch manuelle Techniken und Wahrnehmungsübungen lernen Patient*innen, die Zähne im Alltag bewusst voneinander zu lösen.
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Feinabstimmung der Zungenruhelage: Eine korrekte Position der Zunge am Gaumen entlastet das Kiefergelenk und stärkt das Gleichgewicht im Mundbereich (orofaziales System).
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Stimm- und Sprechschulung: Mithilfe von Atem- und Stimmübungen wird die Resonanz erweitert und die Kehlkopfmuskulatur nachhaltig entlastet.
Entspannung für Kiefer und Stimme
Wenn das Kiefergelenk schmerzt, die Stimme schnell ermüdet oder die Deutlichkeit beim Sprechen nachlässt, lohnt sich ein genauer Blick auf das Zusammenspiel von Kiefer und Stimme. Die gezielte logopädische Begleitung hilft Betroffenen dabei, chronische Anspannungen abzubauen und wieder zu einer freien, belastbaren Stimme zu finden.
Bei Fragen zu Kieferbeschwerden, Stimmproblemen oder CMD melden Sie sich gern über das Kontaktformular meiner Website unter: https://logopaedieonline-praxis.de/
Literatur
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Beushausen, U. (2019). Wenn die Zähne knirschen … Logopädie bei Kieferproblemen durch Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) und Bruxismus. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag.
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Deutscher Bundesverband für Logopädie e.V. (dbl) (2020). Logopädie bei orofazialen Dsyfunktionen und funktionellen Stimmstörungen. Frechen: dbl.
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Schiffman, E. et al. (2014). Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (DC/TMD) for Clinical and Research Applications. Journal of Oral & Facial Pain and Headache, 28(1), 6–27.
- Bildquelle: Photo by Towfiqu barbhuiya (Pexels)

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