Online-Therapie in der Neurologie: Die Zukunft der Logopädie
Stark im Ton, klar im Klang: Sprechtraining bei Parkinson
Veränderungen der Stimme und Sprache gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen von Morbus Parkinson. Schätzungen zufolge entwickeln bis zu 90 % aller Betroffenen im Laufe ihrer Erkrankung eine sogenannte hypokinetische Dysarthrophonie (Ramig et al., 2018). Oft beginnt der Prozess schleichend: Die Stimme wird leiser, klingt monoton oder heiser, und die Aussprache wirkt zunehmend verwaschen. Für Patient*innen führt dies nicht selten zu Rückzug aus dem sozialen Leben, da Gespräche im Alltag kraftraubend werden.
Die gute Nachricht aus der Sprachtherapie: Das Gehirn bleibt auch bei Parkinson lernfähig. Durch zielgerichtetes, sSprechtraining bei Parkinson können Betroffene ihre Stimmintensität wieder steigern und ihre Kommunikationsfähigkeit nachhaltig sichern (Fox et al., 2006).
In der logopädischen Praxis begegnen mir Patient:innen mit Parkinson in verschiedenen Stadien. Von sprechmotorischen Übungen bis hin zur Schlucktherapie ist die Behandlung umfangreich. Eine konstante Versorgung orientiert an den sprachlichen Leitsymptomen, sowie der interdisziplinäre Austausch mit anderen Fachkolleg:innen, die die Patient:innen begleiten ist dabei von hoer Bedeutung. Oftmals werden die Patient:innen über Jahre hinweg in der logopädischen Praxis vor Ort, im Rahmen von Hausbesuchen oder auch via Online-Therapie begleitet.
Was passiert beim sprechmotorischen Training?
Beim Parkinson-Syndrom führt der Mangel an Dopamin im Gehirn zu verkleinerten Bewegungsamplituden – nicht nur beim Gehen oder Greifen, sondern auch bei der Kehlkopf- und Artikulationsmuskulatur. Hinzu kommt eine gestörte Eigenwahrnehmung: Viele Betroffene empfinden ihre eigene, leise Stimme als normal laut und empfinden eine normale Lautstärke fälschlicherweise als „Schreien“ (Fox et al., 2002).
Das sprechmotorische Training setzt genau an diesen Mechanismen an. Es kombiniert Prinzipien des motorischen Lernens mit intensiven Rückmeldungen (Maas et al., 2008):
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Kalibrierung der Eigenwahrnehmung: Betroffene lernen neu einzuschätzen, wie viel körperlicher Einsatz nötig ist, um mit angemessener Lautstärke zu sprechen.
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Hohe Trainingsintensität: Kurze, aber hochfrequente Einheiten fördern neuroplastische Veränderungsprozesse im Gehirn (Kleim & Jones, 2008).
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Fokus auf einfache Schlüsselkonzepte: Statt vieler komplexer Bewegungsregeln wird die Aufmerksamkeit meist auf ein zentrales Ziel gelenkt – beispielsweise „Laut sprechen!“ oder „Den Mund weit öffnen!“.
Ein weltweit etablierter und bestens erforschter Behandlungsansatz ist hierbei das Lee Silverman Voice Treatment (LSVT LOUD®), welches auf genau diesen Grundsätzen aufbaut (Ramig et al., 2018).
Sofern Betroffene ihr Einverständnis geben, kann nach Einholung einer Schweigepflichtsentbindung auch ein Austausch mit den Kolleg:innen der Physio- und Ergotherapie sinnvoll sein, da Haltungsvorgänge von Rumpf- und Kopf wirken sich über die Halsstrukturen direkt auf die Atemtätigkeit und damit auf den Kiefer- Gesichts-, Rachen- und Kehlkopfbereich aus. Auch können von Seiten der Logopädie Tipps für die Kommunikation in der Physio- und Ergotherapie gegeben werden.
Präsenztherapie und Telelogopädie: Zwei Wege zum selben Ziel
Die kontinuierliche Durchführung der Übungen ist entscheidend für den Behandlungserfolg. Hierbei stehen heute verschiedene Durchführungsformen zur Verfügung, die individuell auf die Lebenssituation der Patient*innen abgestimmt werden können.
Sprechmotorisches Training
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Präsenztherapie Telelogopädie
• Direkter visueller Kontakt • Kein Anfahrtsweg / kraftersparend
• Manuelle Korrekturhilfen • Training in gewohnter Umgebung
• Hohe soziale Interaktion • Flexible Terminplanung
1. Die Präsenzbehandlung in der Praxis
Die klassische Therapie vor Ort bietet die Möglichkeit eines direkten, persönlichen Kontakts zwischen Logopädinnen und Patientinnen.
Vorteile der Präsenzbehandlung:
Manuelle und visuelle Hilfestellungen: Therapeut*innen können Körperhaltung, Atmung und Muskeltonus direkt vor Ort unterstützen und korrigieren.
Ablenkungsfreier Raum: Die Praxis bietet eine geschützte Umgebung ohne häusliche Störfaktoren.
Persönliche Bindung: Der direkte Austausch erleichtert die Motivation, insbesondere in Phasen erhöhter Belastung.
2. Telelogopädie (Online-Therapie)
Aufgrund der motorischen Einschränkungen oder langer Anfahrtswege stellt der Weg in die Praxis für manche Betroffene eine Hürde dar. Die Telelogopädie – also die Durchführung der Sprachtherapie per Videoschaltung – hat sich hier als gleichwertige Alternative etabliert (Theodoros et al., 2006).
Studien belegen, dass verhaltenstherapeutische Ansätze wie das intensive Stimm- und Sprechtraining auch im digitalen Setting klinisch signifikante Verbesserungen der Lautstärke und Verständlichkeit erzielen (Constantinescu et al., 2008; Beijer et al., 2014).
Vorteile der Online-Behandlung:
Alltagsnahes Üben: Das Training findet direkt in den eigenen vier Wänden statt, wo die neu erlernten Sprechmuster im Alltag eingesetzt werden sollen.
Ersparnis von Wegen und Energie: Die Kraft der Patient*innen fließt direkt in die Therapieeinheit statt in die Anreise.
Kontinuität: Das Training kann auch bei schlechterem Wetter oder leichten Mobilitätseinschränkungen lückenlos fortgeführt werden.
Sowohl in Präsenz als auch online gilt: Die Wahl des passenden Settings richtet sich nach den individuellen Präferenzen, den technischen Voraussetzungen und dem aktuellen Gesundheitszustand der Betroffenen. Auch hybride Modelle – also eine Kombination aus Praxisbesuchen und Online-Sitzungen – werden in der Praxis erfolgreich umgesetzt (Theodoros et al., 2016).
Sprechmotorisches Training bietet Menschen mit Morbus Parkinson eine wirksame Möglichkeit, ihre Stimme und damit ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aktiv zu erhalten. Ob in direkter Präsenz oder flexibel per Telelogopädie: Entscheidend für den Erfolg sind die Regelmäßigkeit, eine hohe Übungsintensität und die gezielte Arbeit an der Eigenwahrnehmung. Wenn Sie oder Ihre Angehörigen Veränderungen der Stimme bemerken, wird eine frühzeitige logopädische Diagnostik empfohlen.
Literaturverzeichnis
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Beijer, L. J., Rietveld, A. C., Hoskam, R. A., Geurts, A. C., & Hendriks, J. C. (2014). Evaluating the feasibility and potential efficacy of a digital speech therapy application for patients with Parkinson’s disease. Journal of Medical Internet Research, 16(12), e284.
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Constantinescu, G., Theodoros, D., Russell, T., Ward, E., Wilson, S., & Wootton, R. (2008). Treating disordered speech and voice in Parkinson’s disease online: a randomized controlled trial. International Journal of Language & Communication Disorders, 43(6), 630–644.
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Fox, C. M., Morrison, C. E., Ramig, L. O., & Sapir, S. (2002). Current perspectives on the Lee Silverman Voice Treatment (LSVT) for individuals with Parkinson disease. American Journal of Speech-Language Pathology, 11(2), 111–123.
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Fox, C. M., Ramig, L. O., Ciucci, M. R., Sapir, S., McFarland, D. H., & Farley, B. G. (2006). The science and practice of LSVT/LOUD: neural plasticity-principled training for individuals with Parkinson disease and other neurological conditions. Seminars in Speech and Language, 27(4), 283–299.
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Kleim, J. A., & Jones, T. A. (2008). Principles of experience-dependent neural plasticity: implications for rehabilitation after brain damage. Journal of Speech, Language, and Hearing Research, 51(1), S225–S239.
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Maas, E., Robin, D. A., Austermann Hula, S. N., Freedman, S. E., Wulf, G., Ballard, K. J., & Schmidt, R. A. (2008). Principles of motor learning in treatment of motor speech disorders. American Journal of Speech-Language Pathology, 17(3), 277–298.
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Ramig, L. O., Halpern, A., Spielman, J., Fox, C., & Freeman, K. (2018). Intensive voice treatment in Parkinson disease: Lee Silverman Voice Treatment (LSVT LOUD). Movement Disorders, 33(6), 857–868.
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Theodoros, D. G., Constantinescu, G., Russell, T. G., Ward, E. C., Wilson, S. J., & Wootton, R. (2006). Treating the speech disorder in Parkinson’s disease online. Journal of Telemedicine and Telecare, 12(3_suppl), 88–91.
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Theodoros, D., Aldridge, D., Hill, A. J., & Russell, T. (2016). Technology-enabled management of communication and swallowing disorders in Parkinson’s disease. International Journal of Speech-Language Pathology, 18(3), 225–237.
- Bildquelle: Photo by Funkcinės Terapijos Centras (Pexels)

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