
Ein strahlendes Lächeln und gerade Zähne sind oft das Ergebnis jahrelanger kieferorthopädischer Präzisionsarbeit. Doch was passiert, wenn die Zunge zum „Gegenspieler“ der festen Zahnspange wird? Wenn ein falsches Schluckmuster oder eine fehlerhafte Zungenruhelage (viszerales Schlucken) die Zähne immer wieder nach außen drückt, ist die logopädische Therapie – oft im Auftrag der Zahnmedizin oder Kieferorthopädie – der entscheidende Schlüssel zum Erfolg.
In Zeiten der Digitalisierung stellt sich die Frage: Kann ein so körperorientiertes Training wie die myofunktionelle Therapie (MFT) auch online funktionieren?
Warum Logopädie bei Zungenfehlstellungen?
Wenn die Zunge bei jedem Schluckvorgang gegen oder zwischen die Frontzähne drückt, wirkt eine enorme Kraft auf den Kiefer aus. Die Folge sind oft Fehlstellungen, die selbst durch die beste Zahnspange nicht dauerhaft korrigiert werden können, solange die Ursache – das falsche Muster – bestehen bleibt. Logopädische Fachkräfte trainieren mit den Patient*innen die korrekte Zungenruhelage und das physiologische Schlucken.
Die Möglichkeiten der Online-Therapie
Die Telemedizin hat in der Logopädie enorme Fortschritte gemacht. Die Vorteile der digitalen Behandlung von Zungenfehlstellungen sind vielfältig:
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Flexibilität und Komfort: Patient*innen sparen sich den Anfahrtsweg. Besonders für schulpflichtige Kinder oder berufstätige Erwachsene lässt sich die Therapie leichter in den Alltag integrieren.
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Alltagsnähe: Das Training findet dort statt, wo auch später geübt wird – zu Hause. Die Übertragung der Übungen in den Alltag (Transfer) gelingt oft besser, wenn kein künstlicher Praxisraum dazwischengeschaltet ist.
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Visualisierung durch Technik: Durch die Nutzung der Kamera können Patient*innen sich selbst auf dem geteilten Bildschirm beobachten. Die therapeutische Fachkraft kann zudem digitale Tools, Apps oder Erklärvideos einbinden, die die Motivation steigern.
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Anleitung der Bezugspersonen: Bei jüngeren Patientinnen werden die Eltern direkt vor Ort zu Co-Therapeutinnen angeleitet, was die Effektivität des häuslichen Übens massiv erhöht.
Wo liegen die Grenzen?
Trotz der hohen Erfolgsquoten gibt es Aspekte, die online eine Herausforderung darstellen:
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Haptische Hilfestellung: Manchmal ist es nötig, dass die logopädische Fachkraft die Zunge manuell führt oder den Muskeltonus direkt am Kiefer ertastet. Das ist digital nicht möglich.
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Technische Ausstattung: Eine stabile Internetverbindung und eine hochauflösende Kamera sind Grundvoraussetzung, damit auch kleine Bewegungen der Zungenspitze präzise beurteilt werden können.
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Eigenverantwortung: Die Online-Therapie erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Da die körperliche Präsenz der behandelnden Person fehlt, müssen Patient*innen (und deren Eltern) besonders aktiv mitarbeiten.
Die logopädische Online-Therapie ist bei Zungenfehlstellungen weit mehr als nur eine Notlösung. Sie ist eine hocheffektive Methode, um die kieferorthopädische Behandlung nachhaltig abzusichern. Während schwere körperliche Einschränkungen oft eine Präsenzbehandlung erfordern, lässt sich das klassische Mundmotoriktraining bei Zungenfehlstellungen auch digital umsetzen.
Entscheidend für den Erfolg ist die enge Absprache zwischen der verordnenden Zahnarztpraxis, der logopädischen Fachkraft und den Patient*innen selbst.
Quellen und weiterführende Informationen:
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AWMF-Leitlinie (027-005): Diagnostik und Therapie von myofunktionellen Störungen. Diese Leitlinie bildet die wissenschaftliche Grundlage für die Behandlung von Zungenfehlstellungen und Schluckstörungen im interdisziplinären Kontext zwischen Logopädie und Kieferorthopädie.
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Deutscher Bundesverband für Logopädie e.V. (dbl): Informationsbroschüren zu Myofunktionellen Störungen und den aktuellen Rahmenempfehlungen zur Durchführung von Telemedizin/Videotherapie in der Sprachtherapie.
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GKV-Spitzenverband: Anlage 12 zum Rahmenvertrag nach § 125 Abs. 1 SGB V. Hier sind die rechtlichen Voraussetzungen und die Anerkennung der Videotherapie als Regelleistung für gesetzlich Versicherte festgeschrieben.
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Klocke, R. (2020): Myofunktionelle Therapie kompakt. Ein Standardwerk, das die Zusammenhänge zwischen oraler Muskulatur und Zahnstellung (Kieferorthopädie) detailliert beschreibt.
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Stahl, J. (2018): Funktionelle Orofaziale Störungen. Fachliteratur zur Diagnostik und Therapie bei Fehlbildungen im Mund-Gesicht-Bereich.
- Bildquelle: Anna Avilova (Pexels)

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