Meilensteine der Sprachentwicklung
Mehrsprachigkeit als Chance: Warum Mehrsprachigkeit bei Kindern keine Entwicklungsverzögerung verursacht – Mythen vs. Fakten
In einer zunehmend globalisierten Welt wachsen immer mehr Kinder mehrsprachig auf. In der Praxis begegnen wir häufig der Sorge, dass beim Thema Mehrsprachigkeit Kinder eine Sprachverzögerung erleiden könnten – doch wissenschaftliche Erkenntnisse zeichnen ein völlig anderes Bild. Ob im Elternhaus, in der Kindertagesstätte oder im Alltag: Der zeitgleiche oder aufeinanderfolgende Erwerb mehrerer Sprachen ist für viele Familien gelebte Realität. Auch in der logopädischen Praxis begegnen uns oft Kinder, die mit zwei oder mehreren Sprachen aufwachsen. Dennoch halten sich hartnäckig Vorurteile und Befürchtungen bezüglich des mehrsprachigen Aufwachsens. Oft stellt sich die Frage, ob Mehrsprachigkeit Sprachentwicklungssstörungen auslösen kann. Die Wissenschaft liefert hierzu eine eindeutige Antwort: Nein (Chilla et al. 2021).
Mythen vs. Fakten: Was sagt die Forschung?
Die Praxiserfahrung zeigt, dass sowohl monolingual als auch bilingual oder multilingual aufwachsende Kinder Sprachentwicklungssstörungen aufweisen können bzw. einen unauffälligen Spracherwerb haben können. Mehrsprachigkeit ist damit kein Garant für Sprachentwicklungsauffälligkeiten. Um Überzeugungen von wissenschaftlichen Tatsachen zu trennen, lohnt sich ein Blick auf die häufigsten Mythen rund um den mehrsprachigen Spracherwerb.
Mythos 1: „Mehrsprachigkeit führt zu Sprachentwicklungsstörungen.“
-
Fakt: Mehrsprachigkeit ist niemals die Ursache für eine Sprachentwicklungsstörung (SES). Wenn bei einem mehrsprachigen Kind eine Störung vorliegt, beruht diese auf biologischen oder neurophysiologischen Ursachen, die genauso bei einsprachigen Kindern auftreten würden (Chilla et al. 2021). Ein entscheidendes diagnostisches Kriterium in der Logopädie lautet: Eine Sprachentwicklungsstörung liegt nur dann vor, wenn sie sich in allen Sprachen des Kindes zeigt (Armon-Lotem et al. 2015). In der Paxis begegnen uns sowohl Kinder die ein- und mehrsprachig aufwachen. Die Ursachen einer Sprachentwicklungssstörung können vielseitig sein. Mehr zu den Ursachen einer Sprachentwicklungsstörun efahren Sie unter folgenden Link: https://www.dbl-ev.de/fachwissen-logopaedie/sprachentwicklungsstoerung/ (abgerufen am 24.08.2026).
Mythos 2: „Das Mischen von Sprachen zeigt, dass das Kind verwirrt ist.“
-
Fakt: Das sogenannte Code-Switching – also das Wechseln zwischen Sprachen innerhalb eines Satzes oder Gesprächs – ist ein Zeichen hoher sprachlicher Flexibilität und kein Ausdruck von Verwirrung (Grosjean 2010). Mehrsprachige Kinder nutzen alle ihnen zur Verfügung stehenden sprachlichen Ressourcen (Translanguaging), um sich präzise auszudrücken, was eine ausgeprägte kognitive Steuerungsfähigkeit widerspiegelt. Oftmals berichten mir die Eltern in der Praxis, dass Sie ihr Kind auf einer Sprache ansprechen und das Kind auf der anderen Sprache antwortet.
Mythos 3: „Eltern sollten zu Hause nur Deutsch sprechen, damit das Kind die Schulsprache lernt.“
-
Fakt: Die emotionale und konzeptuelle Basis einer Sprache entwickelt sich am besten in der Sprache, in der sich die Eltern am sichersten fühlen – der Herkunftssprache bzw. Erstsprache. Eine solide verankerte Erstsprache bildet das Fundament, auf dem weitere Sprachen mühelos aufgebaut werden können (Kuhs et al. 2018). Sprechen Eltern eine Sprache, die sie selbst nicht sicher beherrschen, fehlt dem Kind ein korrektes sprachliches Vorbild. Aus diesem Grund empfehle ich den Eltern zumeist, dass Sie mit dem Kind in der Sprache sprechen, in der sie sich selbst am „sichersten“ fühlen, auch wenn dies bedeutet, dass ein Kind z.B. im Kindergarten im Alter von 3-4 Jahren erstmalig mit Deutsch konfrontiert ist. So kann ein Sprachsystem entsprechend erworben werden, auf das dann die Zweitsprache aufbaut.
Die Vorteile der Mehrsprachigkeit
Anstatt ein Risiko darzustellen, bietet Mehrsprachigkeit beträchtliche kognitive und soziale Vorteile:
-
Exekutive Funktionen: Mehrsprachige Kinder trainieren kontinuierlich das Gehirn, indem sie unbewusst zwischen Sprachsystemen hin- und herschalten. Dies stärkt das Arbeitsgedächtnis, die Aufmerksamkeit und die kognitive Flexibilität (Bialystok 2015).
-
Metachronologische und metalinguistische Bewusstheit: Durch den Vergleich verschiedener Sprachen entwickeln mehrsprachige Kinder früh ein vertieftes Verständnis für Sprachstrukturen und Grammatikregeln (Grosjean 2010).
-
Kulturelle Identität und Teilhabe: Das Beherrschen der Familiensprache ermöglicht die Bindung zu Großeltern und Verwandten und fördert eine stärkere interkulturelle Kompetenz (Kuhs et al. 2018).
Wann ist eine logopädische Beratung sinnvoll?
Sollte ein mehrsprachiges Kind in allen von ihm gesprochenen Sprachen deutliche Schwierigkeiten zeigen – etwa durch einen sehr geringen Gesamtwortschatz, das Fehlen von Zwei-Wort-Sätzen nach dem 24. Lebensmonat oder anhaltendes Unverständnis von Alltagssituationen –, ist eine gezielte sprachtherapeutische Abklärung ratsam (Armon-Lotem et al. 2015). In der logopädischen Praxis erfassen wir die Sprachfähigkeiten kultur- und sprachsensibel, um festzustellen, ob ein tatsächlicher Förderbedarf vorliegt oder lediglich eine natürliche Erwerbsphase verläuft.
Mehrsprachigkeit ist keine Belastung, sondern eine Bereicherung und eine wertvolle Ressource für das gesamte Leben. Indem wir Kindern den Raum geben, all ihre Sprachen stolz und ohne Leistungsdruck zu entfalten, legen wir den Grundstein für eine gelungene Kommunikation und Bildungsgerechtigkeit. In der logopädischen Beratung bewerte ich Mehrsprachigkeit als Schatz und nicht als Hürde. Probleme bei Bilingualismus sind nur dann logopädisch zu behandeln, wenn sich in beiden Sprachen Auffälligkeiten zeigen. Ist die Erstsprache entsprechen altersentspreched entwickelt, besteht in der Regel kein Therapiebedarf. Dies wäre dann eine Sprachförderung.
Stellen Sie sich einmal vor, Sie ziehen ins Ausland und kennen die dortige Sprache nicht, beherrschen aber die Muttersprache Ihres Heimatlades korrekt. Sie würden in diesem Fall vermutlich einen Sprachkurs in einer Sprachschule für die Fremdsprache absolvieren, aber wahrscheinlich nicht in eine logopädische Praxis deshalb gehen. Logopädie ist ein para-medizinischer Beruf. Eine reine Sprachförderung stellt keine medizinische Indikation dar.
Bei Fragen zur Sprachentwicklung Ihres Kindes und zur Mehrsprachigkeit kontaktieren Sie mich gern über das Kontaktformular meiner Website unter: https://logopaedieonline-praxis.de/
Literatur
-
Armon-Lotem, S., de Jong, J. und Meir, N. (Hrsg.) (2015): Assessing Multilingual Children: Disentangling Bilingualism from Specific Language Impairment. Bristol: Multilingual Matters.
-
Bialystok, E. (2015): Bilingualism and the Development of Executive Function: The Role of Attention. Child Development Perspectives, 9(2), S. 117–121.
-
Chilla, S., Rothweiler, M. und Babur, E. (2021): Mehrsprachigkeit in der Sprachtherapie: Grundlagen, Diagnostik und Intervention. 2. Aufl. München: Ernst Reinhardt Verlag.
-
Grosjean, F. (2010): Bilingual: Life and Reality. Cambridge, MA: Harvard University Press.
-
Kuhs, K., Rinker, T. und Ruberg, T. (2018): Mehrsprachigkeit als Chance in Kindertagesstätte und Schule. Kinder- und Jugendarzt, 49(4), S. 245–250.
- Bildquelle: Photo by Mikhail Nilov

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.