Was passiert beim Stottern im Gehirn? Ein Blick in die Neurowissenschaft

Online-Therapie bei Stottern

Concerned African American teenage girl in white outfit looking at camera while covering mouth with hand on gray background in studioAm 22. Oktober 2026 macht der jährliche Welttag des Stotterns (International Stuttering Awareness Day) darauf aufmerksam, wie wichtig Aufklärung über diese komplexe Redeflussstörung ist (Deutscher Bundesverband für Logopädie e. V. [dbl], 2024). Noch immer halten sich Mythen, dass Stottern rein psychisch bedingt sei oder aus Nervosität entstehe. Die moderne Neurowissenschaft zeichnet jedoch ein völlig anderes Bild: Stottern ist eine neurologisch und genetisch mitbedingte Abweichung bei der zentralnervösen Steuerung von Sprechbewegungen (Neumann et al., 2005; Polikowsky et al., 2025). 

Anlässlich zum Welttag des Stotterns bieten wir von Logopädie Online vom 14.10.-23.10.2026 kostenlose Beratungen zum Thema Stottern auf Deutsch und Englisch an. Einen Termin können Sie über das Kontaktformular unser Website vereinbaren: https://logopaedieonline-praxis.de/

Was passiert beim Stottern? Zentrale Vorgänge im Nervensystem

Sprechen wirkt mühelos, gehört aber zu den komplexesten motorischen Leistungen unseres Körpers. Über 100 Muskeln in Atmung, Kehlkopf und Ansatzrohr müssen in Bruchteilen von Sekunden hochpräzise aufeinander abgestimmt werden (Ptok et al., 2006). Bei flüssig sprechenden Personen steuert primär ein spezialisiertes Netzwerk in der linken Gehirnhälfte diese Abläufe. Bei stotternden Menschen zeigt die funktionelle Bildgebung (wie die Magnetresonanztomografie/fMRT) charakteristische Abweichungen in Struktur und Funktion dieses Netzwerks (Neef et al., 2018).

Untersuchungen zeigen, dass bei stotternden Personen die weiße Substanz – die „Kabelverbindungen“ zwischen den Arealen für Sprachplanung und Bewegungssteuerung (wie dem Broca-Areal und dem motorischen Kortex) in der linken Hemisphäre – weniger dicht strukturiert ist (Neef et al., 2018). Signale zur Sprechsteuerung werden dadurch leicht zeitversetzt oder unvollständig übertragen.

Die Basalganglien sind subkortikale Hirnstammkerne, die als innere Taktgeber fungieren und Bewegungsabläufe freigeben oder hemmen (Neumann et al., 2005). Beim Stottern liegt in diesem Regelsystem eine Störung der zeitlichen Feineinstellung vor. Es kommt zu einer „Ablaufblockade“: Der Impuls zur Artikulation eines Lautes wird vorbereitet, aber im entscheidenden Moment von den Basalganglien nicht flüssig freigegeben. Das Ergebnis sind unwillkürliche Wiederholungen, Dehnungen oder stumme Blockaden (Ptok et al., 2006).

Da die linke Hemisphäre den Sprechablauf nicht störungsfrei steuern kann, springen synchrone Areale der rechten Gehirnhälfte ausgleichend ein (Neumann et al., 2005; Neef et al., 2018). Diese Mehraktivität der rechten Hirnhälfte ist primär ein natürlicher Kompensationsversuch des Gehirns. Allerdings arbeitet die rechte Seite für Sprechmotorik oft langsamer und weniger spezialisiert, was zwar das Sprechen sichert, die Flüssigkeit aber zusätzlich beeinträchtigen kann (Neef et al., 2018).

Normalerweise kontrolliert das Gehirn beim Sprechen kontinuierlich über das Hörorgan, ob das Gesagte mit dem Intentionierten übereinstimmt. Bei Stotternden zeigt sich eine abweichende Verarbeitung im auditiven Kortex (Neef et al., 2018). Das Gehirn registriert fälschlicherweise Abweichungen im Sprechablauf und greift korrigierend ein – was den Redefluss erneut unterbricht.

Neuroplastizität: Warum Logopädie wirkt

Das menschliche Gehirn ist ein plastisches Organ und somit lernfähig und dynamisch (Neuroplastizität). Logopädische Therapien – wie etwa das Fluency Shaping (Sprechumstrukturierung) oder die Stuttering Modification (Symptombewältigung) – nutzen diese Eigenschaft gezielt (dbl, 2024; Ptok et al., 2006):

  • Synaptische Umstrukturierung: Durch systematisches Training bilden sich im Gehirn neue neuronale Pfade (Neumann et al., 2005).

  • Re-Balancierung der Hirnaktivität: Bildgebende Studien belegen, dass sich nach erfolgreicher Intensivtherapie die Überaktivität der rechten Gehirnhälfte reduziert und die linke Sprachhemisphäre wieder effizienter arbeitet (Neumann et al., 2005; Neef et al., 2018).

Vom Mythos zum Fakt

Die Neurowissenschaft belegt eindeutig: Stottern ist eine biologisch verankerte, motorische Koordinationsbesonderheit des Gehirns und kein Zeichen mangelnder Intelligenz oder psychischer Schwäche (dbl, 2024; Polikowsky et al., 2025).

Welttag des Stotterns 2026

Zum Welttag des Stotterns am 22.10.2026 möchten wir als logopädische Praxis dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und auf Stottern aufmerksam zu machen. Wenn Sie oder Ihre Angehörigen Unterstützung beim Umgang mit Stottern suchen, kontaktieren Sie uns über das Kontaktformular unserer Website unter: https://logopaedieonline-praxis.de/

Literaturangaben & Quellen

  • Deutscher Bundesverband für Logopädie e. V. (dbl) (2024). Stottern: Ursachen, Diagnostik und evidenzbasierte Therapie. Online abrufbar unter: dbl-ev.de

  • Neef, N. E., Anwander, A., & Friederici, A. D. (2018). The neurobiological basis of stuttering. Brain: A Journal of Neurology, 141(1), 54–69.

  • Neumann, K., Preibisch, C., Euler, H. A., von Gudenberg, A. W., Lanfermann, H., Gall, V., & Giraud, A. L. (2005). Stottern im Gehirn: neue Erkenntnisse aus Humangenetik und Neurowissenschaften. Forum Logopädie, 19(2), 6–13.

  • Polikowsky, H. et al. (2025). Genomic architecture of developmental stuttering. Nature Genetics, 57(8), doi: 10.1038/s41588-025-02267-2.

  • Ptok, M., Natke, U., & Oertle, H. M. (2006). Stottern – Pathogenese und Therapie. Deutsches Ärzteblatt, 103(18), A1216–1221.

  • Bildquelle: Photo by Monstera Production (Pexels)

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