Stottern in der Schule: Unterstützung, Rechte und Chancen

Online-Therapie bei Stottern

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Die Schulzeit legt den Grundstein für die berufliche und persönliche Zukunft. Für Schüler*innen, die stottern, ist der Alltag im Klassenzimmer jedoch oft eine besondere Herausforderung. Stottern und Schule – Das kann einhergehen mit Sprechangst und Leistungsdruck und kann die Freude am Lernen trüben. Doch Stottern ist kein Hindernis für schulischen Erfolg, wenn Lehrkräfte, Eltern und Betroffene Hand in Hand arbeiten. Der Aspekt der Fairness ist zu beachten. Hierzu gibt es rechtliche Kriterien von denen von Stottern betroffene Schüler:innen Gebrauch machen können.

Stottern und Schule – Verständnis schaffen: Was passiert beim Stottern?

Stottern ist eine neurobiologisch bedingte Redeflussstörung. Es hat nichts mit mangelnder Vorbereitung, geringer Intelligenz oder psychischer Instabilität zu tun. In Stresssituationen – wie einem Referat oder dem Aufrufen durch die Lehrkraft – können die Symptome zunehmen.

Tipps für den wertschätzenden Umgang:

  • Geduld statt Ratschläge: Lassen Sie die Schüler*innen immer aussprechen. Sätze wie „Atme tief durch“ oder „Sag es nochmal langsam“ erhöhen den Druck und sind kontraproduktiv.

  • Fokus auf den Inhalt: Signalisieren Sie durch ruhigen Blickkontakt, dass Sie zuhören. Die Botschaft zählt, nicht die Flüssigkeit der Aussprache.

  • Offene Kommunikation: Ein kurzes Gespräch unter vier Augen darüber, wie sich derdie Schülerin in Abfragesituationen fühlt, baut enorme Barrieren ab.

Der Rechtsanspruch: Nachteilsausgleich (NTA)

Stotternde Schüler*innen haben ein gesetzlich verankertes Recht auf Chancengleichheit. Das Grundgesetz (Art. 3 Abs. 3) untersagt die Benachteiligung aufgrund einer Behinderung oder chronischen Beeinträchtigung. Hier setzt der Nachteilsausgleich an.

Was genau ist der Nachteilsausgleich?

Er ist kein „Bonus“, sondern ein Instrument, um die durch das Stottern entstehenden Barrieren zu ebnen. Wichtig: Ein NTA darf nicht im Zeugnis vermerkt werden, da er lediglich die äußeren Bedingungen der Leistungsprüfung anpasst, nicht aber das Anforderungsniveau selbst.

Mögliche Maßnahmen im Schulalltag:

  • Zeitverlängerung: Mehr Zeit bei mündlichen Prüfungen, Referaten oder Vorleseaufgaben.

  • Modifizierte Präsentationen: Referate können beispielsweise vor einer Kleingruppe statt vor der gesamten Klasse gehalten werden.

  • Schriftliche Ersatzleistungen: Mündliche Prüfungsanteile können bei Bedarf durch schriftliche Arbeiten ergänzt oder ersetzt werden.

  • Geändertes Abfrageverfahren: Verzicht auf unvorbereitetes Aufrufen („Kaltaufrufen“) oder Vorlesen.

Abgrenzung zum Notenschutz

Während der NTA die Bedingungen ändert, bedeutet Notenschutz, dass auf die Bewertung einer bestimmten Leistung (z. B. die mündliche Note) ganz oder teilweise verzichtet wird. Dies ist oft die „letzte Instanz“ und kann je nach Bundesland im Zeugnis vermerkt werden.

Der Weg zum Nachteilsausgleich: Schritt für Schritt

Rechte müssen aktiv eingefordert werden. Eltern und Schüler*innen sollten diesen Weg gemeinsam mit der Logopädie gehen:

  1. Stellungnahme einholen: Ein ärztliches Attest oder ein ausführlicher Bericht der logopädischen Praxis dokumentiert die Beeinträchtigung.

  2. Antrag stellen: Die Erziehungsberechtigten stellen einen formlosen schriftlichen Antrag auf Nachteilsausgleich bei der Schulleitung.

  3. Konferenz: In einer Klassenkonferenz werden die spezifischen Maßnahmen festgelegt.

  4. Bindung: Einmal beschlossen, ist der NTA für alle Lehrkräfte desder Schülerin bindend.

Mobbingprävention und Selbstbewusstsein

Schule ist ein sozialer Ort. Aufklärung ist das beste Mittel gegen Ausgrenzung. Wenn die Mitschüler*innen verstehen, was Stottern ist, schwindet der Raum für Spott. In der logopädischen Therapie arbeiten wir daher nicht nur an der Sprechtechnik, sondern massiv an der Stotter-Selbsthilfe. Wer offen und selbstbewusst mit seinem Stottern umgeht, bietet weniger Angriffsfläche und erlebt weniger Sprechangst.

Literatur

  • Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. (BVSS): Stottern in der Schule. Informationen für Lehrerinnen und Lehrer sowie Hinweise zum Nachteilsausgleich.

  • Duden, K. (2020): Schulrecht für die Praxis. (Themenschwerpunkt Inklusion).

  • Natke, U. (2017): Stottern: Erkenntnisse, Theorien, Behandlungsmethoden. Springer

  • Bildquelle: Photo by Ekaterina Belinskaya (Pexels)

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