Mehrsprachigkeit: Ein Geschenk für die Sprachentwicklung – was tun wenn es hakt?

Sprachentwicklung bei Kindern

Group of children learning about geography using a globe in a bright classroom setting.Mehrsprachigkeit – die Fähigkeit, zwei oder mehr Sprachen zu sprechen – ist in unserer globalisierten Welt längst keine Seltenheit mehr. Doch wie beeinflusst sie den Spracherwerb, und welche Chancen und Herausforderungen birgt sie für Kinder und Erwachsene? Auch die Logopädie kann sich mit Spracherwerb bei Mehrsprachigkeit befassen, wenn z.B. in beiden Sprachen Erwerbsschwierigkeiten auftreten.

Wie das Gehirn jongliert

Lange Zeit herrschte die Vorstellung, dass Mehrsprachigkeit Kinder überfordern oder ihre sprachliche Entwicklung sogar verzögern könnte. Neuere Forschung widerlegt diese Annahme jedoch eindrucksvoll. Das Gehirn ist erstaunlich flexibel und in der Lage, mehrere Sprachsysteme parallel zu verarbeiten und zu organisieren. Ein mehrsprachig aufwachsendes Kind lernt nicht nur, zwischen den Sprachen zu wechseln, sondern entwickelt auch ein tiefes Verständnis für die Struktur und die Regeln jeder einzelnen Sprache. Dieser Prozess, auch als Metasprachliche Bewusstheit bekannt, fördert kognitive Fähigkeiten wie Problemlösung, Konzentration und Flexibilität.

Der Spracherwerb verläuft bei mehrsprachigen Kindern oft etwas anders als bei einsprachigen. Beim Spracherwerb bei Mehrsprachigkeit kann es vorkommen, dass sich die Sprachen zu Beginn mischen, was als Code-Switching bezeichnet wird. Zum Beispiel sagt ein Kind: „Ich habe den Ball geholt und the dog hat ihn gefangen.“ Dies ist ein ganz normaler und gesunder Entwicklungsschritt, der zeigt, dass das Kind aktiv mit seinen Sprachsystemen experimentiert und eine Brücke zwischen ihnen baut. Dieses Phänomen ist kein Zeichen einer Sprachstörung, sondern ein Zeichen sprachlicher Kompetenz.

Was, wenn es hakt?

Auch wenn Mehrsprachigkeit viele Vorteile mit sich bringt, können auch bei mehrsprachigen Menschen Sprachstörungen auftreten. Wichtig ist dabei, zwischen einem natürlichen Entwicklungsprozess und einer tatsächlichen Störung zu unterscheiden. Ein Kind, das noch Schwierigkeiten hat, alle Sprachen fehlerfrei zu sprechen, aber in beiden Sprachen einen altersgerechten Wortschatz aufbaut, braucht in der Regel keine logopädische Unterstützung. Zeigt das Kind jedoch in allen seinen Sprachen auffällige Schwierigkeiten – zum Beispiel bei der Satzbildung oder bei der Aussprache –, ist es ratsam, logopädischen Rat einzuholen.

Wir Logopädinnen und Logopäden sehen den Spracherwerb bei Mehrsprachigkeit nicht als Problem, sondern als Chance. In der Therapie arbeiten wir mit den Stärken des Kindes und nutzen alle seine Sprachen als Ressource. Wir ermutigen Eltern, weiterhin in ihrer Muttersprache mit ihren Kindern zu sprechen, da dies die sprachliche und emotionale Bindung stärkt. Die Sprachförderung sollte stets in einem Kontext stattfinden, der dem Kind Sicherheit und Freude vermittelt.

Mehrsprachigkeit als Superkraft

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Mehrsprachigkeit ein Gewinn für die persönliche und sprachliche Entwicklung ist. Sie erweitert nicht nur den Horizont, sondern trainiert auch das Gehirn. An alle Eltern und Betreuungspersonen: Haben Sie keine Angst davor, mit Ihren Kindern in Ihrer Heimatsprache zu sprechen. Sie schenken ihnen damit eine wertvolle Fähigkeit und einen unvergleichlichen Zugang zu einer neuen Welt.

Quellen:

  • Deutscher Bundesverband für Logopädie (dbl): Informationen zur Mehrsprachigkeit https://www.dbs-ev.de/themen/mehrsprachigkeit
  • Paradis, J. (2010). The interface between bilingualism and specific language impairment. Applied Psycholinguistics, 31(1), 163-181.
  • Bialystok, E. (2011). Reshaping the mind: The benefits of bilingualism. Canadian Journal of Experimental Psychology/Revue canadienne de psychologie expérimentale, 65(4), 229.
  • Bildquelle: Pexels

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