Myofunktionelle Störung online behandeln: Geht das von zu Hause?

Close-up of a cheerful woman with her tongue out, winking playfully.Online Logopädie myofunktioneller Störungen – Chancen und Grenzen

Ein harmonisches Zusammenspiel von Lippen-, Zungen- und Gesichtsmuskulatur ist die Basis für gesundes Schlucken, Atmen und Sprechen. Liegt hier ein Ungleichgewicht vor, spricht man von einer myofunktionellen Störung (MFS). Die digitale Transformation hat auch vor der Sprachtherapie nicht haltgemacht: Online-Logopädie ist heute ein fester Bestandteil der Versorgung. Doch wie effizient ist die Online Logopädie myofunktioneller Störungen wirklich, wo liegen ihre Stärken und wo stößt sie an ihre Grenzen?

Die Chancen: Warum Online-MFT funktioniert

Die myofunktionelle Therapie basiert stark auf dem Prinzip des „Trainings“ – ähnlich wie im Fitnessstudio. Es geht um Muskelaufbau, Koordination und das Automatisieren neuer Bewegungsmuster. Die Online-Therapie bietet hierfür hervorragende Voraussetzungen:

  • Direkter Alltagstransfer: Patient*innen üben in ihrer gewohnten Umgebung. Da das physiologische Schlucken am Küchentisch oder vor dem eigenen PC verankert werden muss, fällt der Transfer in den Alltag oft leichter.

  • Visuelles Biofeedback: Der Bildschirm wirkt wie ein digitaler Spiegel. Therapeutinnen und Patientinnen sehen die Lippen- und Zungenbewegungen in Nahaufnahme, was die Selbstwahrnehmung extrem schult.

  • Flexibilität und Motivation: Lange Anfahrtswege entfallen, was die Organisation im Familien- oder Berufsalltag erleichtert. Zudem steigern interaktive Apps und digitale Materialien gerade bei jüngeren Patient*innen die Therapieadhärenz.

Die Grenzen: Wo die Telemedizin herausgefordert wird

Trotz der hohen Wirksamkeit bringt das rein digitale Setting spezifische Herausforderungen mit sich:

  • Fehlende Haptik: Logopädiestudierende und Therapeut*innen können nicht manuell intervenieren. Das Platzieren von elastischem Tape, das taktile Führen der Zunge oder das direkte Spüren des Schluckaktes durch Berührung am Kehlkopf sind online nicht möglich.

  • Abhängigkeit von Dritten: Bei Kindern steht und fällt der Online-Erfolg mit den Eltern. Sie müssen als „Co-Therapeut*innen“ vor dem Bildschirm fungieren, Materialien bereitlegen und die korrekte Ausführung sichern.

  • Technologische Hürden: Eine stabile Internetverbindung und eine hochauflösende Kamera sind zwingend erforderlich, um feinste Fehlbewegungen der Zunge (wie ein minimales Vorrutschen beim Schlucken) zu erkennen.

Wann ist die Präsenztherapie die bessere Alternative?

Die Online-Logopädie ist kein Allheilmittel. Es gibt klare Indikationen, bei denen die klassische Präsenztherapie vor Ort vorgezogen werden sollte:

  1. Starke taktile Abwehr oder ausgeprägte Wahrnehmungsstörungen: Wenn Patient*innen eine taktile Hilfestellung im Mundraum (z. B. mit einem Spatel oder Motivationshilfen) benötigen, um die Zungenruhelage überhaupt erst zu spüren.

  2. Sehr junge Kinder oder Konzentrationsschwächen: Fällt es Kindern schwer, die Aufmerksamkeit über 30 bis 45 Minuten auf einen Bildschirm zu richten, bietet der Therapieraum vor Ort weniger Ablenkung und mehr sensorische Reize.

  3. Kombinierte Störungsbilder: Liegen neben der MFS komplexe Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensauffälligkeiten oder ausgeprägte organische Fehlbildungen (z. B. Lippen-Kiefer-Gaumenspalten) vor, ist der direkte physische Kontakt für eine sichere Diagnostik und Intervention unerlässlich.

Online Logopädie myofunktioneller Störungen

Online-Logopädie bei myofunktionellen Störungen ist weit mehr als eine Notlösung – sie ist für viele Betroffene eine hocheffiziente, flexible Therapieform. Die Entscheidung für oder gegen das digitale Setting sollte jedoch stets individuell nach einer ausführlichen Erstberatung getroffen werden. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, ebnet der Klick auf den Bildschirm den Weg zu einem dauerhaft gesunden Schluckmuster.

Literatur

  • Kittel, A. (2019). Myofunktionelle Therapie. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag.

  • Grabowski, R., Hinz, R. & Stahl de Castrillon, J. (2017). Die myofunktionelle Therapie: Ein fächerübergreifendes Therapiekonzept. Dortmund: Neuer Merkur.

  • Tennhardt, A. (2021). Telemedizin in der Logopädie: Chancen und Herausforderungen digitaler Therapieformen. Forum Logopädie, 35(3), 18–23.

  • Bildquelle: Photo by Tima Miroshnichenko (Pexels)

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