Die Logopädie befindet sich im Wandel. Während früher der Weg in die Praxis zwingend notwendig war, hat sich die Teletherapie (Online-Logopädie) längst als wirksame Alternative etabliert. Doch gerade bei Artikulationsstörungen – also der Schwierigkeit, bestimmte Laute korrekt zu bilden – fragen sich viele Eltern und Betroffene: „Kann der/die Logopäd*in über den Bildschirm überhaupt genau sehen, wie die Zunge liegt?“ Die Antwort lautet: Ja, und oft sogar besser als gedacht.
Was sind Artikulationsstörungen?
Unter einer Artikulationsstörung versteht man die fehlerhafte Bildung von Lauten. Das bekannteste Beispiel ist der Sigmatismus (Lispeln), bei dem die Zunge beim „S“-Laut gegen oder zwischen die Zähne stößt. Aber auch die Vertauschung von Lauten oder Schwierigkeiten mit dem „R“ gehören dazu. Ziel der Therapie ist es, die motorischen Abläufe der Sprechwerkzeuge so zu trainieren, dass ein klarer, korrekter Laut entsteht.
Die Vorteile der Online-Therapie für Artikulationsübungen
Die Behandlung via Video-Call bietet weit mehr als nur den Wegfall der Anfahrt. In der Online-Logopädie nutzen wir spezifische Vorteile der digitalen Umgebung:
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Die Zoom-Funktion: In der Kamera-Nahaufnahme können Patient*innen die Mundbewegungen der Therapeut*innen oft deutlicher sehen als im Praxisraum. Umgekehrt können Logopäd*innen durch hochauflösende Kameras präzise die Lippen- und Kieferstellung der Klient*innen analysieren.
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Der „Heimvorteil“: Kinder und Erwachsene fühlen sich in ihrer gewohnten Umgebung meist entspannter. Diese Lockerheit ist essenziell für die Mundmotorik, da Spannungen im Gesichtsbereich die Artikulation erschweren können.
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Digitale Tools: Interaktive Spiele, Bildschirmfreigaben und spezielle Apps machen das repetitive Üben von Lauten kurzweilig. Ein „S-Laut-Memory“ am PC macht vielen Kindern mehr Spaß als eine klassische Bildkarte.
Wie läuft eine Online-Sitzung ab?
Der Ablauf unterscheidet sich inhaltlich kaum von einer Präsenzsitzung, ist jedoch methodisch angepasst:
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Vorbereitung: Patient*innen loggen sich über eine zertifizierte, datenschutzkonforme Plattform ein.
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Wahrnehmungsschulung: Zuerst lernen die Klient*innen, den Ziellaut (z. B. das „SCH“) auditiv von Fehlbildungen zu unterscheiden.
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Anbahnung: Unter Anleitung der Therapeut*innen wird die korrekte Zungenposition erarbeitet. Hier helfen oft visuelle Vergleiche (z. B. „Die Zunge macht ein Schälchen“).
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Transfer: Der neu gelernte Laut wird erst in Silben, dann in Wörtern und schließlich in der freien Rede gefestigt.
Voraussetzungen für den Erfolg
Damit die Online-Behandlung von Artikulationsstörungen gelingt, sollten einige Rahmenbedingungen erfüllt sein:
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Stabile Internetverbindung: Ton und Bild müssen synchron sein, um Lippenbewegungen korrekt zu interpretieren.
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Gute Akustik: Ein Headset oder ein qualitatives Mikrofon hilft dabei, Nuancen in der Aussprache (z. B. ein leichtes Luftentweichen beim Lispeln) hörbar zu machen.
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Begleitung bei Kindern: Bei jüngeren Kindern ist die Anwesenheit einer Bezugsperson oft hilfreich, um technische Unterstützung zu leisten oder haptische Hilfestellungen (wie ein Feedback am Kinn) nach Anleitung der Fachkraft umzusetzen.
Flexibilität trifft auf Fachkompetenz
Die Online-Behandlung von Artikulationsstörungen ist heute wissenschaftlich anerkannt und qualitativ gleichwertig zur Therapie vor Ort. Sie bietet maximale Flexibilität für Berufstätige und Familien im ländlichen Raum, ohne Kompromisse bei der Behandlungsqualität einzugehen. Dank moderner Technik rücken Therapeut*in und Patient*in virtuell so nah zusammen, dass jedes „S“, „R“ oder „SCH“ präzise korrigiert werden kann.
Quellen
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Bundesverband für Logopädie e.V. (dbl): Telemedizin in der Sprachtherapie – Evidenz und Umsetzung.
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Geraedts, H. et al. (2021): Wirksamkeit von Teletherapie bei Sprech- und Sprachstörungen: Ein systematischer Review. In: Fachzeitschrift für Logopädie.
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Hoffmann, A. (2022): Digitale Medien in der Artikulationstherapie. Springer Medizin.
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GKV-Spitzenverband: Anlage zur Telemedizin in der Heilmittelversorgung (Regelungen zur Durchführung von Videotherapie).
- Bildquelle: Photo by Walls.io (Pexels)


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