Dysarthrie-Therapie: Behandlung in Präsenz & Online

Online-Therapie in der Logopädie: Wirksamkeit und Umsetzung

Behandlungsmöglichkeiten einer Dysarthrie: Präsenz- und Online-Therapie im Vergleich

Close-up of an elderly woman showing a strong facial expression against a dark background.

Eine Dysarthrie (oder Dysarthrophonie) gehört zu den häufigsten neurogenen Sprechstörungen im Erwachsenenalter. Sie entsteht durch Schädigungen des zentralen oder peripheren Nervensystems – etwa nach einem Schlaganfall, bei Morbus Parkinson, Multiple Sklerose oder Schädel-Hirn-Traumata (Ackermann & Ziegler, 2017). Betroffene kämpfen oft mit Einschränkungen in der Steuerung der Sprechatmung, der Stimmgebung (Phonation), der Artikulation und der Prosodie (Sprechmelodie).

In der logopädischen Praxis begegnen mir oft vielfältige Ausprägungen und Verläufe der Dysarthrie je nach Grunderkrankung. Oft behandle ich Patient:innen mit fortschreitenden Erkrankungen über Jahre hinweg, um die bestehende Symptomatik zu reduzieren und ein Fortschreiten der Erkrankung hinauszuzögern.

Die gute Nachricht: Moderne logopädische Behandlungsansätze bieten effektive Methoden, um die Verständlichkeit nachhaltig zu verbessern und die soziale Teilhabe der Patient:innen zu sichern – sowohl in der Praxis vor Ort als auch digital im Online-Setting (Ziegler et al., 2018).

Therapeutische Behandlungsansätze in der Logopädie

Unabhängig vom Setting basiert eine evidenzbasierte Dysarthrietherapie auf drei wesentlichen Säulen:

  1. Restitution (Funktionstraining): Gezielte Übungen zur Verbesserung der orofazialen Motorik, Verbesserung der Lungenfunktion und Tonusregulierung der Sprechmuskulatur (Robertson, 2021).

  2. Kompensation (Strategietraining): Erlernen von Techniken, um bestehende Defizite auszugleichen. Hierzu zählen artikulatorische Kontrolltechniken, verlangsamtes Sprechtempo oder die Nutzung von Lee Silverman Voice Treatment (LSVT LOUD®) bei Parkinson-Patient:innen (Fox et al., 2006).

  3. Substitution (Unterstützte Kommunikation): Einsatz von unterstützenden Medien wie Kommunikationsbüchern oder Sprachcomputern bei sehr schweren Störungsformen (Beukelman & Light, 2020).

Präsenztherapie: Der direkte Körperkontakt im Fokus

Das klassische Präsenzsetting in der Praxis bildet nach wie vor den Standard in der neurogenen Rehabilitation. Der entscheidende Vorteil liegt in der multisensorischen Rückmeldung und der Möglichkeit zur manuellen Hilfestellung.

  • Haptische und taktile Reize: Therapeut:innen können Muskelverspannungen im Hals- und Schulterbereich direkt palpieren und durch manuelle Techniken (z. B. Kehlkopfmobilisation oder Faszienbehandlung) lockern.

  • Feine Beobachtung: Atembewegungen des Brust- und Bauchraums lassen sich im Raum ohne technische Verzögerung oder Einschränkungen des Kamerawinkels analysieren.

  • Beziehungsaufbau: Für schwer betroffene Patient:innen bietet der direkte visuelle und menschliche Kontakt oft eine höhere Sicherheit und Motivation.

Es kann sich auch eine Versorgung im Hausbesuch anbieten, wenn die Betroffenen auffgrund ihrer Grunderkrankung nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen in die Praxis kommen können. Meine Erfahrng zeigt, dass eine Therapie im häuslichen Setting Vorteile für die Implementierung von Alltagsübungen bringen kann. So können Kommunikationssituationen direkt im realen Umfeld der Betroffenen beübt werden.

Dysarthrie Therapie Online -Therapie (Telelogopädie): Wirksam und flexibel

Seit einigen Jahren hat sich die Telelogopädie als gleichwertige Versorgungsform in der Dysarthrietherapie etabliert. In meiner Praxis biete ich derzeit ausschließlich Online-Behandlungen an. Eine Online-Therapie ist nicht für jede:n Patient:in das Mittel der Wahl, kann jedoch je nach Voraussetzung ebenso zum Erfolg führen wie eine Präsenzbehandlung.  Zahlreiche Studien belegen, dass verhaltenstherapeutische Sprechübungen online ebenso wirksam sind wie in Präsenz (Theodoros et al., 2008; Beijer et al., 2010). Meine Praxiserfahrung zeigt, dass je nach Einzelfall entschieden werden muss, ob eine Präsenz- oder Online-Therapie infrage kommt.

  • Alltagsnahes Üben im gewohnten Umfeld: Patient:innen trainieren direkt an ihrem gewohnten Arbeitsplatz oder zu Hause. Dies erleichtert den Transfer von Sprechtechniken in den Alltag erheblich (Beijer et al., 2010).

  • Barrierefreiheit und Schonung von Ressourcen: Anfahrtswege entfallen vollständig. Dies ist besonders für neurologisch erkrankte Klient:innen wertvoll, die unter schneller Ermüdbarkeit (Fatigue) oder Mobilitätseinschränkungen leiden.

  • Hohe Übungsfrequenz: Kurze, hochfrequente Therapieeinheiten lassen sich digital oft unkomplizierter im Wochenablauf integrieren als reine Praxistermine.

Präsenz vs. Online: Eine Gegenüberstellung

Kriterium Präsenztherapie Online-Therapie (Telelogopädie)
Haptischer Kontakt Unmittelbar möglich (Palpation, Faszien) Nicht möglich (visuelle/auditive Anleitung)
Anfahrt & Mobilität Anfahrt erforderlich, ggf. barrierebehaftet Keinerlei Anfahrt, ortsunabhängig
Alltagstransfer Künstlicher Raum (Therapiezimmer) Direktes Üben in gewohnter Umgebung
Technische Voraussetzung Keine Stabile Internetverbindung, Kamera, Mikrofon

Blended Care: Die optimale Kombination

In der modernen Praxis zeigt sich immer deutlicher: Das eine Setting schließt das andere keineswegs aus. Im Rahmen von sogenannten Blended-Care-Konzepten profitieren Klient:innen von einer Kombination beider Formen (Schoenfeld et al., 2021). So wie sich auch in der Pädagogik Blended-Learning-Konzepte in den vergangenen Jahren immer mehr etabliert haben, kann eine Kombination aus Online- und Präsenztherapie gewinnbringend für Patient:innen sein. Ich betreue gemeinsam mit Kolleg:innen einer neurologischen Fachklinik Patient:innen im Online-Setting, die vor Ort auch Präsenztherapie erhalten. Ich erlebe diese Kombination als Mehrwert für die Patient:innen.

In der Initialphase werden Diagnose, manuelle Befunderhebung und das Erlernen grundlegender Techniken in Präsenz durchgeführt. Dies ist wichtig, um einen umfassenden Eindruck zu erhalten. Ich bin hier auf die Aussagen der Kolleg:innen angewiesen, die mit den Patient:innen im Präsenzsetting arbeiten, bevor ich online weiter therapiere bzw. muss die ersten Einheiten selbst in Präsenz mit den Patient:inenn durchführen. In der anschließenden Festigungs- und Transferphase kann dann in die Online-Betreuung gewechselt werden, um die Frequenz hochzuhalten und das Erlernte direkt im Alltag zu verankern.

Sowohl das Präsenz- als auch das Online-Setting bieten hervorragende Möglichkeiten zur Behandlung von Dysarthrien. Während die Präsenztherapie durch manuelles Arbeiten glänzt, punktet die Videotherapie durch Flexibilität und maximale Alltagsnähe. Welches Setting gewählt wird, hängt letztlich von den individuellen Zielen, den motorischen Voraussetzungen und den persönlichen Präferenzen der Patient:innen ab.

Bei Fragen zu einer Kombination aus Präsenz- und Online-Therapie oder Interesse an einer Online Dysarthrie Therapie kontaktieren Sie mich gerne über das Kontaktformular meiner Website: https://logopaedieonline-praxis.de/

Weitere Infos zum Theme Dysarthrie finden Sie zudem auf der Website des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie e.V. (dbl): https://www.dbl-ev.de/fachwissen-logopaedie/dysarthrie/ (abgerufen am 08.09.2026).

Literaturquellen

  • Ackermann, H. & Ziegler, W. (2017): Dysarthrie: Grundlagen – Diagnostik – Therapie. Georg Thieme Verlag.

  • Beijer, L. J., Rietveld, A. C., Hoskam, R. A., Geurts, A. C. & Hendriks, J. C. (2010): Evaluating the feasibility and user-satisfaction of an e-learning speech therapy intervention for dysarthric patients. Telemedicine and e-Health, 16(10), 1056–1062.

  • Beukelman, D. R. & Light, J. C. (2020): Augmentative and Alternative Communication: Supporting Children and Adults with Complex Communication Needs. Paul H. Brookes Publishing.

  • Fox, C. M., Morrison, C. E., Ramig, L. O. & Sapir, S. (2006): Current perspectives on LSVT LOUD: Physical therapy and speech therapy for Parkinson’s disease. Expert Review of Neurotherapeutics, 6(7), 1051–1059.

  • Robertson, S. J. (2021): Dysarthria: Management and Interventions. Speechmark Publishing.

  • Schoenfeld, M. R., Achenbach, J. & Bohl, K. (2021): Blended Care in der Neurorehabilitation: Verzahnung von Präsenz- und Teletherapie. Forum Logopädie, 35(3), 18–24.

  • Theodoros, D. G., Hill, A. J. & Russell, T. G. (2008): Clinical and quality of life outcomes of teletreatment for Parkinson’s disease. Journal of Telemedicine and Telecare, 14(3), 128–132.

  • Ziegler, W., Vogel, M. & Schölderle, T. (2018): Dysarthrie: Evidenzbasierte Logopädie in der Neurologie. Springer Verlag.

  • Bildquelle: Photo by Tima Miroshnichenko (Pexels)

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